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Mittwoch, 18. Mai 2016

Neuromancer – Ein Spielplatz für Irre



Wer wissen will, was genau Cyberpunk sein soll, der sollte sich William Gibsons Klassiker Neuromancer von 1984 vornehmen. Gibson soll die Meinung vertreten haben, „Japan ist einfach Cyberpunk“, und so erscheint es nur folgerichtig, dass die Handlung seines wohl bekanntesten Werks in Japan beginnt. Wer sich in die Welt des ehemaligen Cyber-Cowboys Case hineinbegibt, wird aber bald feststellen, dass es zwar hier sehr bunt, aber auch verdammt brutal zugeht. Die Straßen sind so rau wie die Dialoge zwischen den einzelnen Charakteren, und der Leser wird bald das Gefühl haben, permanent den Lauf einer Knarre in den Nacken gedrückt zu bekommen: "Seine vom Oktagon ausgelöste künstliche Tapferkeit bröckelte vollends ab. Er schob die Kobra in den Schaft und flitzte zum Fenster, blind vor Angst, mit kreischenden Nerven." (Seite 49).

Case selbst ist ein Wrack. Seine ehemaligen Auftraggeber, für die er eine Weile lang als Hacker gearbeitet und stolze Summen erbeutet hat, erwischten ihn eines Tages dabei, wie er den eigenen Anteil großzügig aufrundete und bestraften ihn dafür, indem sie sein Nervensystem derart schädigten, dass an eine Fortsetzung seiner Karriere als Hacker nicht mehr zu denken ist. 

Die Trilogie, erschienen bei Heyne. Heute ist Teil 1 dran - Neuromancer.

Nun erbeutet er Kleinstbeträge, ist mit einer Prostituierten verbandelt und hat auch schon drei Menschen auf dem Gewissen – alles nur, um selbst am Leben zu bleiben in einer Welt, die der menschlichen Existenz, insbesondere der fleischlichen, feindlicher nicht sein könnte. Gibson legt dabei eine ganz besondere Liebe fürs Detail an den Tag, egal ob es um den Wirt in Cases Lieblingsspelunke geht, dessen Arm halb fleischlich, halb metallische Kralle ist, oder um eine minutiöse Beschreibung einer Handfeuerwaffe: „Shins Pistole war eine fünfzig Jahre alte vietnamesische Imitation eines südamerikanischen Nachbaus einer Walther PKK Double-action. Sie hatte einen schwergängigen Abzug und war für 22er Gewehrmunition umgerüstet. Case wären Bleiazid-Explosivgeschosse lieber gewesen als die einfachen chinesischen Hohlspitzpatronen, die Shin ihm verkauft hatte. […]“ (Seite 50). 

Tatsächlich ist Gibsons Vision, die sich zuweilen in solch ausufernden Beschreibungen zu verrennen Gefahr läuft, in diversen Bereichen des menschlichen Lebens erstaunlich hellseherisch. Nicht nur einem selbstfahrenden Mercedes begegnet der Leser, sondern auch dem Organhandel im bereits erwähnten Japan und geklonten Menschen im Weltraum, diverse Dinge, die heute Tatsache sind, möglich oder in naher Zukunft machbar erscheinen.  

Case führt sein Abenteuer weit um den Globus und tief in die Vergangenheit seiner Mitstreiter. Doch er begibt sich keinesfalls freiwillig auf seine Reise; dahinter steckt Armitage, ein stumpfsinniger Militär, der einmal Corto hieß, aber auch er wird (nun zum zweiten Mal in seinem Leben) zum Spielball größerer Mächte. Case bekommt seine Hacker-Fähigkeiten zurück, aber ein Gift, das sich langsam in seinen Körper entlädt und dessen Beseitigung nur sein Auftraggeber beherrscht, bindet ihn an Armitage, für den er – an der Seite der verführerischen Kopfgeldjägerin Molly – eine waghalsige Mission ausführt.

Während Case sich durch Datencluster hackt, ist Molly für das Grobe zuständig und nimmt den Kampf mit Sicherheitsdiensten und anderen Hindernissen auf. Der Roman verhandelt dabei nicht nur Entwürfe einer dystopischen Zukunft und Themen wie Verrat und Liebe, sondern auch Leben, Tod und Bewusstsein in Zeiten eines gnadenlosen, globalisierten Raubtierkapitalismus. Exzentrische und psychotische Charaktere (hier sind vor allem Julie und Riviera zu nennen) sorgen für jede Menge Spannung und scheinen durchaus nicht fehl am Platze, denn diese Zukunftsvision ist ein Spielplatz für Irre.

Der Roman ist mit seiner Fülle an Details und seinen zuweilen verwirrenden Wechseln zwischen virtueller und physischer Realität („Er steckte aus“ […] „Er steckte ein.“) durchaus kein Sonntagsspaziergang für Gelegenheitsleser, doch macht er solche Mängel durch Spannung und Tiefgang wett. Dabei ist die deutsche Version (Heyne 2002, vierte Auflage) noch erstaunlich lesbar geblieben, doch es begegnen einem immer wieder kleinere ("Bacon", Seite 81) und größere („Negermädchen“, Seite 109) Übersetzungspatzer. 

Der erste Teil von Gibsons Zukunftsvision ist surreal, finster und gesellschaftskritisch, und die Lektüre wert.

Samstag, 30. April 2016

Survival of the Dead - Cowboys vs. Zombies



In 2009, George Romero made another zombie movie. Oh, well, you might ask: Zombies are everywhere – so why would anyone care? Let me tell you why. First of all, Romero's zombies are special. They are vicious, cannibalistic beasts, but with each movie, they gain a little more consciousness. From Dawn of the Dead on, zombies can be observed as they are trying to find back into the lives they once had. They start imitating the living, be it the zombified guy at the gas station who does not know where to go with his fuel pump (Land of the Dead) or the undead mailman who keeps stuffing the same mailbox over and over again (Survival of the Dead). Aside of being zombies, they aptly show how monotonous most of human work is and in Land of the Dead they even become a kind of undead homeless working class. 

Cowboys will be cowboys.

The story of Survival of the Dead revolves around two clans on an island who have nothing better to do than fight each other to the death during the apocalypse. The conflict centers on the question whether one should chain the dead like cattle but not harm them (a process dangerous enough in itself) or kill them to avoid further tragedy. Ironically, the anti-zombie family (O’Flynn) is the one that is more sympathetic, but their patriarch, Patrick O’Flynn, is banned from the island as a result of the two (Irish) families’ disagreement on the zombie situation. 
 
Romero’s movie is strangely reminiscent of real-life disputes between pro-life (here: pro-unlife) and pro-choice activists. Hence, the pro-unlife faction (the Muldoons) is portrayed as very conservative (“I trust in God”), whereas the pro-choice faction (the O’Flynns) is willing to adapt to the new situation, which makes killing a few zombies now and then unavoidable. Patrick O’Flynn may be robbing helpless survivors while in exile, but at least he lets them live. Not so old Muldoon, his family-first antagonist. He shoots ‘immigrants’ mercilessly at the shore of his island as they arrive, and as his rule crumbles, ends up preferring the dead over the living. 

The Muldoons ready for action.

The movie combines Western and zombie apocalypse, but manages to be not trashy - in contrast to many other cross-genre Western movies (Cowboys vs. Aliens, anyone?). Both parties suffer from conflicts emerging from within as the crisis reaches its climax, and the only characters that come off as a little bland are the soldiers who are, ironically, the actual main characters in our film.
 
Although the movie treats them as protagonists and the viewer easily identifies with them, they are the least interesting. They, being the good guys, naturally cooperate with the O’Flynns, and beyond that there is little worth mentioning about them. They adopt a young fugitive – who has his very own mind – but they all stand together when it comes to facing the Muldoons, who have figured out their very own way of solving the zombie problem. Without going into further details in order to not spoil the movie, I can assure you that it backfires to some degree.


If you need something to fill the pause until The Walking Dead returns, Romero’s work comes highly recommended, in general. Romero’s Dead movies stand out among the mass of brainless zombie movies for being both gory and intelligent, but Survival of the Dead effectively adds both a new setting and new aspects to the zombie theme, leaving urban areas for a silent, but nonetheless deadly island.