Dienstag, 29. November 2016

Ian McEwan: Nussschale – Hamlet mal GANZ anders



Ende Oktober ist die Übersetzung des neuesten Werkes des weltbekannten Autors Ian McEwan mit erstaunlich kurzer Verzögerung zum Original (Nutshell bei Jonathan Cape) auch auf Deutsch erschienen. Der Autor, der mit dem Roman Abbitte (2001) zu Weltbekanntheit gelangte, hat diesmal ein besonders delikates Buch abgeliefert: Der Erzähler ist nicht nur Teil der Geschichte, sondern Teil einer der Figuren – es handelt sich um einen höchst kultivierten Fötus, der alle äußeren Eindrücke, die er nur kriegen kann (d. h. so ziemlich alles, was seine Mutter erlebt), in seine psychologischen und philosophischen Überlegungen verarbeitet. Achtung, Anspruch!

Wer also ein süffisantes Schwadronieren über Trochäen, Jamben und andere Versmaße von Vornherein für Geschwafel hält (keine Sorge, das passiert nicht allzu häufig), der sollte zweimal über den Kauf des Buches nachdenken. McEwan gibt uns Einblick in eine Welt, in der Shakespeare nicht allzu weit von dumpfen Körpergeräuschen entfernt ist. Doch über Literatur hinaus wagt sich der Fötus auch an politische Themen: Immer wieder taucht die Flüchtlingskrise auf, und überhaupt ist dieser Roman neben allem, was sonst so geschieht, sehr politisch. Der Fötus erinnert sich an einen Podcast, wo eine Politikexpertin vor der Zusammenkunft von Selbstmitleid und Aggressivität warnt, eine emotionale Mischung, die Nationen vergifte – ich fühlte mich an Carolin Emckes Dankesrede beim Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erinnert, die darin eben diesen Gefühlscocktail den AfD-Wählern zuschrieb.

Nussschale. Aus dem Englischen von Bernhard Robben, erschienen am 26.10.2016 bei Diogenes.

Solche Exkurse über mögliche Weltkriegsszenarien und Ungerechtigkeit, die durchaus in alle Richtungen austeilen, dürfen auch schon mal vier Seiten einnehmen, mehr aber auch nicht. Ein gutes Maß, wie ich finde, auch wenn die Weltdenkerpose bisweilen etwas erzwungen wirkt und man darüber schnell die Ironie der Erzählperspektive vergisst.

Denn letztlich kreisen alle geistigen Exkurse immer wieder um die eigentliche Geschichte des Romans, die auf dramatische Weise die Zukunft des Ungeborenen zu beeinflussen droht. Das Kind wurde, so wird dem Leser schnell klar, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt der Beziehung gezeugt. Als wir an seinen Gedanken teilhaben dürfen, leben die Eltern nämlich bereits getrennt, befinden sich in einer „Beziehungspause“: Der Vater, der gutmütige Trottel, überlässt seiner Frau sein einstmals prächtiges Haus und erhofft sich von dieser großzügigen Geste, dass die Beziehung auf magische Weise genest. Weit gefehlt, denn die Mutter vergnügt sich mit seinem hohlköpfigen Bruder Claude im Ehebett.

Und als wäre das nicht schlimm genug, beschließen Bruder und Frau, den gutmütigen Wohltäter zu ermorden! Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Insbesondere, da mir das Motiv der Mutter nicht ganz klar ist: Natürlich ist mit viel Leidenschaft oftmals viel Hass verbunden. Statistiken belegen, dass Mordopfer in den allermeisten Fällen mit ihren Mördern zumindest bekannt waren. Und dass die Liebe die heftigsten Gefühle potenziert – geschenkt. Aber den armen Dichter (geradezu ein klassischer Held) John Cairncross, der hin und wieder wie ein etwas zu treuer Hund auftaucht und alle mit seinen Gedichten nervt, kaltblütig ermorden? Das erschien mir doch etwas radikal. Ist die Frau ein Psychopath? Offenbar. Wie kann es dann aber angehen, dass sie an anderer Stelle eine Katze beweint, die sie in ihrer Kindheit versehentlich tötete? Liegt das an den Schwangerschaftshormonen? Man weiß es nicht. 

Sicher ist, dass die Mutter (Trudy) als recht eindimensionale Rolle, d. h. als verlogenes Miststück, angelegt ist. Sie wird auch nicht gerade dadurch sympathischer, dass sie das Haus vermüllen lässt und die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum zeitweise verliert (der Liebhaber hilft nicht, wie es sich für einen Macho-Hohlkopf gehört). Der Fötus aber hadert mit seiner ungewollten Komplizenschaft: 

Ich versuche, sie mir vorzustellen und sie zu lieben, wie es sich gehört, dann denke ich an das, was sie bedrückt: den Bösewicht, den sie zum Liebhaber nahm, den Heiligen, den sie verließ, die Tat, für die sie sich ausgesprochen hat, und das reizende Kind, das sie Fremden überlassen will. Sie trotzdem lieben? Wenn die Antwort nein ist, hast du sie nie geliebt. Aber ich habe sie geliebt, ich liebte sie. Und lieb sie noch. (S. 72).

Ob der finstere Plan aufgeht, verrate ich natürlich nicht. Auf jeden Fall hält der Roman einige Überraschungen bereit. Auch die Sicherheit des Kindes ist nicht immer gewiss, beispielsweise wenn die Mutter stürmisch die Treppe herunter poltert. An solchen Stellen erhält der Leser aus erster Hand Auskunft über die Gefahr, die ein Sturz mit sich bringen würde – nichts Geringeres als das jähe Ende des jungen Lebens. Die Erzählperspektive bietet dabei allerlei grotesk-komische Szenen, etwa wenn das Ungeborene unfreiwilliger Zaungast beim Sex ist. 

Sehr humorvoll sind auch die Dialoge geraten, die immer wieder mit Kommentaren des Fötus begleitet werden. Der ungeborene Erzähler scheut sich nicht, malerische Vergleiche anzustellen mit den ihn umgebenden Figuren, deren Banalitäten er mit dem Messer seziert. Es macht einfach Spaß, wenn er Claude als dumpf bis zur Genialität (S. 35) oder dessen Geistlosigkeit als poetisch (S. 84) bezeichnet, und man fragt sich zusammen mit dem Erzähler, was Mutter Trudy eigentlich an dem Kerl findet: „Hat sie Claude heraufbeschworen, um dem ewigen Rätsel des Erotischen Gestalt zu verleihen?“ (S. 37).

Und neben Humor, Philosophie und Politik ist der Roman einfach spannend. Endlich wieder ein Buch, das mich vom Anfang bis zum Schluss gefesselt hat. Denn es ist nicht oft, dass ein Roman mir mein Bedürfnis nach Feuilletonlektüre und Krimigeschichte (dabei wollte ich eigentlich gar keinen Krimi lesen!) für die Zeit des Lesens restlos beglichen hat – großes Lob dafür! Es hätte aber auch ein bisschen bescheidener und mehr down-to-earth sein dürfen.

Sonntag, 27. November 2016

Phantastische Tierwesen - Und was von ihnen zu halten ist



Es gibt einen Film, um den man diesen Winter absolut nicht herumkommt: Die Rede ist natürlich vom Harry-Potter-Abkömmling Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (Regie führte David Yates). Es ist ein weiterer Spross der Spin-Off-Ära, der es sich gemütlich macht im Schatten seiner weltbekannten Marke, zusammen mit den anderen Nebenprodukten großer Franchises wie Better Call Saul, dem Hobbit und Rogue One.

Jacob, Newt und Tina, die Ex-Aurorin, stürzen unfreiwillig in ein gemeinsames Abenteuer. Quelle.

Kann der Film mit den Harry-Potter-Filmen mithalten? Die kurze Antwort ist: Nein. Sicher ist er besser als der eine oder andere (I’m looking at you, Teil 7.1!), aber die Erwartungen, die Spannung, all das hält sich etwas in Grenzen, und ich führe es nicht ausschließlich auf meine eigene erwachsene Abgebrühtheit zurück. Phantastische Tierwesen fühlt sich über sehr lange Strecken wie eine Komödie an, was durchaus nicht verkehrt ist. Allerdings bleiben die Momente, in denen es vor Aufregung einem den Atem verschlägt, aus, was durchaus (etwas) verkehrt ist.

Erzählt wird die Geschichte von Tierwesen-Forscher Newt Scamander (Eddie Redmayne), der im New York des Jahres 1926 ein paar sogenannte Tierwesen in die USA schmuggelt mit dem Ziel, eines davon zurück in die Wildnis zu führen. Dummerweise halten es die Tierwesen, die in seinem magischen, sehr geräumigen Koffer wohnen, nicht bis zum Zielort aus und stellen die Muggel-Stadt auf den Kopf. Unverhofft gerät ein Kriegsveteran (Dan Fogler), der eigentlich nur eine Bäckerei eröffnen möchte, mitten ins Chaos.

Das führt zu Konflikten mit dem amerikanischen Magierkongress (MAKUSA), der die Einfuhr von Tierwesen untersagt hat. Eine Ex-Aurorin (Katherine Waterston) nimmt den jungen Mann fest, doch findet sie aufgrund ihrer vor Kurzem erfolgten Suspendierung kein Gehör. Also bringt sie den jungen Mann und Jacob, den Bäcker in spe, zunächst bei sich unter. Ihre gedankenlesende Mitbewohnerin (und Schwester; Alison Sudol) schafft es, zu bezaubern. Jacob, der Muggel (in Amerika: No-Mag), macht große Augen, als sie mit geschickten Zauberstab-Bewegungen einen Apfelstrudel zubereitet – der Anfang einer sehr rührenden Liebesgeschichte.

Percival Graves gehört zu den Zauberern, die gegen Newt und seine Freunde ermitteln. Quelle.

Mein Hauptkritikpunkt: Der Film ist überladen mit Tierwesen. Man kann dem Film deshalb zwar nicht vorwerfen, dass er das Thema verfehlt hat. Allerdings: Man hätte die Tierwesen effektiver in Szene setzen können, hätte man ein paar überflüssige Szenen gestrichen. Während Jacob und Newt die Tierwesen einzufangen versuchen, hat man das Gefühl, man sei in einer Verfilmung von Pokémon Go gelandet. Natürlich sind einige von den Tierchen ganz niedlich, aber die Zeiten, in denen CGI-Monster minutenlanges Staunen hervorrufen können, sind vorbei. Klar, Phantastische Tierwesen setzt auf Familienfreundlichkeit wie seinerzeit auch Harry Potter, aber vielleicht bedarf es einfach der finsteren Burgmauern einer uralten Magierakademie, um zu fesseln. Weder der magische Kofferzoo noch die weite, unruhige Muggelwelt konnte mich vollständig überzeugen und auch der Schluss fühlt sich etwas zu convenient an.

Dennoch: Der Kampf gegen einen entfesselten Obscurus (einem Schattenwesen mit extremer Ähnlichkeit zu den Dementoren aus Harry Potter) ist spannend. Was hat die New-Salem-Bewegung damit zu tun, die die berüchtigten Hexenprozesse der Puritaner wieder aufleben lassen möchte? Wer ist Grindelwald? Harry-Potter-Fans werden sich zudem über das gelegentliche Namedropping freuen, das Brücken schlägt zwischen Alt und Neu. Das volle Potenzial dessen hat sich Rowling wohl aber für die Nachfolger vorbehalten.

Phantastische Tierwesen ist also nicht so gut wie die Harry-Potter-Filme. Allerdings handelt es sich sehr wohl um ein eigenständiges, neues, interessantes Werk, was ich dem Film umso mehr zugutehalte, als dass sich filmische Neuerscheinungen oftmals schamlos an ihren Vorgängern bedienen (wie etwa Star Wars: Das Erwachen der Macht). Hier hingegen handelt es sich tatsächlich um etwas Unabhängiges. Das allein reicht natürlich nicht für ein Meisterwerk, aber herausgekommen ist ein sehr humorvoller, guter Film.

Montag, 31. Oktober 2016

Braindead vs. Cemetery Man – Halloween Double Feature with Freudian Zombies

As it is Halloween and the Walking Dead are highly en vogue after their spectacular return this October, I decided to review two zombie movies I had the joy of analyzing during my Bachelor thesis: Peter Jackson’s Braindead (New Zealand, 1989) and Michele Soavi’s Cemetery Man (originally called Dellamorte, Dellamore, Italy, 1994).

Braindead is infamous for being the 'bloodiest' movie ever. Director Peter Jackson, long before he made the prized Lord of the Rings movie trilogy, displayed quite a tendency towards gore and overall Bad Taste (1987). It cannot be denied that his movies then held somewhat of a tradition of being provocative in the most juvenile way possible. But Braindead shows that there is more to it than pure chainsaw Dada. 

Braindead: Zombies!

After a short exposition during which the viewer learns that a highly aggressive rat/monkey monstrosity (a nod towards Jackson’s King Kong) has been brought to a zoo somewhere in New Zealand, we are introduced to Lionel (Timothy Balme), a polite young man whose life is absolutely centered on his bossy mother (Elizabeth Moody). One day, Lionel and Paquita (Diana Penalver), a charming young lady working at the local grocery store, decide to visit the aforementioned zoo. Lionel’s mother, nervously spying on them, gets too close to one of the cages and is bitten by the mysterious rat-monkey whereupon she stamps him into the ground in an outburst of passionate violence. 
 
A fatal Transformation
 
During the next few days, she is seen lying in her bed as her wound starts festering and pulsating. However, she is determined not to let her chance to impress the local welfare committee fly by and insists on meeting them, which results in one of the most disgusting dinner scenes in movie history. If you can bear watching the mother slowly devouring her own ear and possibly even emit a slight chuckle, you are set to like this movie.

Braindead: The infamous ear-eating scene.

The bodily deterioration of the mother cannot be stopped, and her lust for flesh increases. Lionel really tries his best to avoid facing any consequences and hides his violent zombie mother in the house, but she soon frees herself, only to be hit by a train and slither into Paquita’s shop in a highly comical fashion. 
 
As Lionel assumes her to be finally dead, now would be the time to celebrate his newly found freedom, but instead he decides to open her grave and let her back into his life. Chaos ensues. Not only does she turn a gang of punks and a priest into zombies (whom Lionel miraculously manages to bring home without being seen or getting bitten) but he proceeds to set up some kind of zombie retirement home in his basement. During a house party set up by his hedonistic and disgusting uncle, the dead and the living meet in a most spectacular (and gory) fashion.

Braindead: Lionel sets up a zombie retirement home.

This movie is all about hyperbolic effects: The characters are comical to the extreme and the amount of violence is, even for a zombie movie, exaggerated to the point of exhaustion, featuring the most memorable application of a lawn mower you will ever see. According to media anthropologist Arno Meteling, Jackson’s take on the zombie trope is an adaptation of the grotesque, an aesthetic category described by Michail Bachtin, with a long tradition of physical depictions and narrations of excessive feasts and frivolous orgies reaching back to Francois Rabelais’ novel Gargantua about an insatiable giant. But at the same time, it is a rather unconventional coming of age-story paying a highly ironical tribute to American Psycho and hilariously reversing gender stereotypes between Lionel and Paquita, with lots of Eros and Thanatos
 
Cemetery Man: Francesco and the inspector don't care too much about the deceased.

Love (and Brains) is all you Need
 
Speaking of love and death, enter Cemetery Man. Cemetery Man has a slightly, but noticeably different tone. The hero (none other than Rupert Everett) is, too, a young, insecure man, but he works in a cemetery in Italy, where the dead are restless. Together with his trusty, mentally challenged companion Gnaghi (Francois Hadji-Lazaro), he makes sure that they stay underground. However, he gets into trouble when he has sex with a beautiful woman (Anna Falchi) on the grave of her recently deceased husband. The husband, upon noticing the disturbance, attacks her and she seems dead. Francesco brings her to the morgue and when she awakes, shoots her in the head. Only later does he find out that she wasn’t (un)dead until he shot her. 

Cemetery Man: During the night after the crash, Francesco has a lot of work to do.

The next day, Francesco tries to persuade the mayor to take the zombie issue seriously. His attempts to be heard are, however, interrupted by Gnaghi, who’s continuously staring at the mayor’s daughter until she asks for the reason of his curious behavior. Gnaghi, in reply, simply vomits on her. After the mayor’s daughter leaves the scene, we see her and her biker friends in a spectacular crash with a school bus, resulting in lots of work for poor Francesco who gets caught in a downward spiral of guilt, phallic anxiety and lust for blood. 

Cemetery Man: Francesco has an uncalled-for conversation with Death himself.

But in contrast to what you might think, this movie does not focus on repulsion and disgust. At times, it gets brutal, but this violence is in stark contrast to incredibly artistic shots, depicting melancholic scenes of the cemetery at night. The viewer gets confused as a myriad of clues and contradictions pop up – and lots of doppelgangers. It can be argued that this movie embodies the other side of the grotesque as described by German literary scholar Wolfgang Kayser, as the story becomes increasingly hard to understand, where tragedy, trauma and physical and mental deformation intertwine into a disorienting experience. In the end, you will be insecure as to what just happened, and I highly suggest watching the movie, as it is a rather chilling, nihilistic experience.

These two rather unusual horror/comedy classics are definitely worth a peek for any zombie movie fan, as they explore a narrative and aesthetic potential of the genre that hardly anyone has ventured further into (with a few exceptions: Fido (2006); Otto, or Up with dead people! (2008)).

Happy Halloween!

Dienstag, 25. Oktober 2016

Aldous Huxley: Schöne neue Welt - Und wie sieht's heute aus?




Aldous Huxleys Roman Brave New World von 1932 zählt zu den Meilensteinen der Weltliteratur. Der Roman antizipiert den menschlichen Eingriff in biologisches Erbmatieral - ein Thema, dass Jahrzehnte später in Form von Klonschaf Dolly (1996-2003) erschreckend greifbar wurde - und denkt einen Schritt weiter: Was wäre, wenn genetische Optimierung zur Leitkultur würde? Für diese Review setze ich mich mit einer deutschen Übersetzung des Romans auseinander (Schöne Neue Welt, 2006, S. Fischer).

Dass Huxleys Science-Fiction-Roman so bedeutsam ist, hängt zweifelsfrei damit zusammen, dass schon ein Jahr nach Erscheinen sich eine Ära anschloss, die der Dramatik seiner Bio-Dystopie entsprach. Die Biopolitik des Dritten Reiches mit ihren Schädelvermessungen und Euthanasiemorden beweist die tiefen Abgründe, zu denen eine von Ethik befreite Wissenschaft fähig ist.

Schöne neue Welt, 2006 in 63. Auflage in deutscher Übersetzung erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag.

Nach ähnlichen Mechanismen funktioniert auch Huxleys Dystopie, allerdings wesentlich subtiler als die auf Barbarei gegründete Diktatur der Nationalsozialisten. Beide Systeme beruhen auf Verdrängung und Blindheit: Während das Dritte Reich seine Mordmaschinerie in abgeschotteten Lagern betrieb und in der Öffentlichkeit lieber die kollektive Kriegslust inszenierte, findet der Leser in Huxleys Welt eine schein-perfekte spätkapitalistische Gesellschaft vor, in der jedes Rädchen genetisch und psychisch auf seine Rolle programmiert ist. Die innere Leere, die sich immer mal wieder einstellt, wird mit einer Schlafdroge namens Soma abgetötet. 

Natürlich ist dort wie hier ein Freidenker und Grübler wie Sigmund Marx (ein heute ziemlich zusammengeschustert klingender 'sprechender' Name) nicht gern gesehen. Von Beruf her ist der junge Mann ein "Schlafschulspezialist", dessen Haupttätigkeit darin besteht, sich für die Burtstätten des Regimes möglichst eindringliche, ins Unbewusste dringende Reime auszudenken, die Kinder in ihren Träumen auf ihre Rolle im System vorbereiten. Er ist jedoch ganz offensichtlich unterfordert von dieser Aufgabe und führt lange Unterhaltungen mit seinem Freund, Helmholtz Watson (auch ein komischer Name). 

Marx ist nicht nur ungewöhnlich klein für seine Kaste („Alpha Plus“), sondern hat auch eine ziemliche Tendenz zur Monogamie, beides Dinge, die kritisch beäugt werden in einer Gesellschaft, wo jeder als das Eigentum seines Nächsten gilt. In Huxleys Dystopie werden menschliche Beziehungen, wie alle Aspekte des emotionalen Lebens, bewusst oberflächlich gehalten, sodass allzu starke Emotionen zugunsten gesellschaftlicher Harmonie vermieden werden. Huxley versteht es, die verschiedenen Grautöne dieser inhärent tristen Welt zum Vorschein zubringen.
 
Gleich zu Beginn wird dem Leser klar gemacht, dass es sich um eine trostlose, leistungsorientierte Welt handelt, in der die Produktivität zählt und wenig mehr. Die herrschende Ideologie dieser sinnentleerten Welt ist der Fordismus, eine ausgehöhlte Religion, die sich vor den geköpften Kreuzen des Christentums versammelt, um die vom T-Modell eingeführte Massenproduktion zu vergöttern. Ein tolles Konzept, das allerdings von der Übersetzung geschwächt wird: Geräuschwörter wie „Rutschiputschi“ können die Immersion doch ziemlich beeinträchtigen. Ich denke, dass der Leser mit der englischen Version besser beraten ist.

Huxley kontrastiert seine spätkapitalistische Dystopie mit einem Wilden-Reservat, einer kleinen Insel außerhalb der technisierten Zivilisation, in dem der abgeschottete Rest der Welt lebt. Hier leiden die Menschen noch an Krankheit und Alter, sind vom Wetter abhängig und führen das mindestens ebenso trostlose Leben von Zootieren, die von Marx und seiner Freundin bestaunt werden. Zwar verhilft die Berührung beider Welten dem nicht ausschließlich sympathischen Marx kurzzeitig zu gesellschaftlicher Anerkennung, aber letztlich erweist sich der Brückenschlag als utopisch, was die große tragische Pointe des Romans ausmacht. Die eingestreuten Shakespeare-Zitate, die als Lichtquelle im kollektiven Dunkel der heruntergekommenen Zivilisation herhalten sollten, machten auf mich einen eher unpassenden Eindruck, selbst als bewusst gesetzte Abgrenzung.

Was also ist von Huxleys revolutionärem Roman zu halten? Sicher ist, dass er an Aktualität nichts eingebüßt hat. Die Konsumgesellschaft, die scheinbar unbekümmert den Kalten Krieg überstanden hat, muss kritisch beobachtet werden. Wissenschaftlicher Fortschritt und der Reichtum Einzelner darf nicht aus gesellschaftlicher Spaltung und Unterdrückung gedeihen. Huxleys Roman erinnert uns daran; und auf Englisch sicherlich in schönerem Stil.

Freitag, 30. September 2016

Ab in den Dschungel - Oder in die Irrenanstalt?



Christian Clavier hat mal wieder Schwiegersohnprobleme. Aber diesmal sind es nicht gleich vier, wie im grandiosen Monsieur Claude und seine Töchter. In der Katastrophenkomödie Ab in den Dschungel (Frankreich 2015, Regie: Philippe Lacheau, Nicolas Benamou) reicht gerade mal ein einziger Chaot, um den ganzen Laden gehörig auf den Kopf zu stellen. Es ist die Forstsetzung des Films Project: Babysitting, was man ihm aber nicht anmerkt; der Hangover-Stil des ersten Teils deutet sich zwar auch hier an, aber die Geschichte funktioniert auch ohne den Vorgänger ganz gut.

Eigentlich hätte alles ganz harmlos ablaufen können: Der junge Franck (Philippe Lacheau) und seine Liebste Sonia (Alice David) machen mit ein paar Freunden Urlaub auf dem Inselparadies ihres Papas, und als Krönung des Ganzen wird der Verlobungsring präsentiert. 

Franck (mitte) und seine dämlichen Freunde (links: Alex, rechts: "Ladykiller" Sam). Quelle.

Deppen unter Palmen

Das einzige Problem an der Geschichte ist, dass der junge Mann sich mit absoluten Vollidioten umgibt. An vorderster Front wäre Alex (Julien Arruti) zu nennen. Nicht nur geht er allen mit seiner Kamera gehörig auf die Nerven, sondern verhält sich in jeder Situation so überaus dämlich, dass der Zuschauer bereits nach einer halben Stunde im Film Höllenqualen der Fremdscham und/oder Wut erleidet. Es beginnt damit, dass er aus Gründen der Geheimhaltung, aber ohne ersichtliche Notwendigkeit den Verlobungsring in den Mund steckt. Natürlich verschluckt er ihn dann versehentlich, dann schießt der Tollpatsch auch noch eine Harpune in Francks Koffer, und von da an geht es nur noch bergab.

Außerdem dabei: Ernest – Streber, Flugbegleiter und Möchtegernpilot und Sam, der gerne Ladykiller wäre und Estelle, das versaute Dummchen. Damit wären die Rollen mehr als eingehend beschrieben, denn Charaktere (und Witze) bleiben vorwiegend flach. 


Not impressed: Alain (Christian Clavier, rechts) und seine Tochter Sonia (Alice David). Quelle.

Auf dem Inselparadies angekommen, müssen sich die Hohlköpfe erst einmal an die Sitten der Einheimischen gewöhnen: Kein Kabelfernsehen und keine Swimming-Pools, denn Christian Clavier (diesmal heißt er Alain) spielt nicht länger den katholisch-konservativen Familienvater, sondern ist wohl geschieden (?) und betreibt ein Öko-Hotel in Brasilien, das sich dem Naturschutz und Artenerhalt widmet. Und so weist er den jungen Franck gleich als Erstes darauf hin, wie viele Bäume so ein BD (Franck ist Comiczeichner) verschlingt. Welch unangenehme Begegnung, und das noch bevor einer der Katastrophenfreunde es so richtig versemmeln konnte!

Doch die echten Katastrophen lassen freilich nicht lange auf sich warten. Alex schubst versehentlich Franck gegen die Oma, die dann samt Scooter umkippt. Am Strand warten weitere Peinlichkeiten, und dann geht es weiter auf einen „Spaziergang“, der erneut die (rassistische) Oma, zwei ziemlich lüsterne Damen (angenehmes Wiedersehen: Elodie Fontan, jüngste Tochter in Monsieur Claude) und eine verunglückte Höhlenexpedition involviert.
 
Lost in Vacation

Diese Expedition ist das eigentliche Herzstück des Films und der Stil erinnert ein bisschen an R.E.C. oder Diary of the Dead, das heißt, die Perspektive ist die einer mobilen, verwackelten Kamera, was nicht jedem Kinobesucher gefällt. Ich persönlich fand es eine interessante Abwechslung und gewöhnte mich recht schnell an den etwas beengenden Blickwinkel. 

Ein chaotischer Haufen - mit Oma im Gepäck. Quelle.

Der Film hat ein gutes Tempo, sodass Langeweile vermieden wird. Das gleicht ein wenig die teilweise vorhersehbare Story aus. Die Gags reichen von superplatt bis unterhaltsam, was auch verzeihlich ist, denn dieser Film möchte lustig sein und mehr nicht. Am besten gefallen haben mir die politisch höchst inkorrekte Oma und der Subplot um die Freundin von Ernest, der ein sehr befriedigendes Ende erreicht; auch Christian Clavier (den ich seit Die Besucher verehre!) ist wieder spitze. Ab in den Dschungel ist eine nette Komödie für cringe-resistente Fans der sehr gut bestückten französischen Komödienlandschaft, reicht aber nicht an z. B. Monsieur Claude und seine Töchter heran. Wer den schon kennt, aber darauf verzichtet, seine Eltern ins Kino mitzunehmen, wird durchaus nicht enttäuscht, mehr aber auch nicht.